Erinnerungsstücke aus Sicht einer Chorgründerin

Wenn frühere Calypso-Bandmitglieder und ehemalige Chorleiterinnen sich wiedersehen, verstreichen meist nur wenige Stunden, bis in Erinnerungen an Proben und Konzerte gekramt wird und jene «Weisst-du-noch-Geschichten» zutage befördert werden, die stets ein wenig Nostalgie verraten.Chorprobe

Auf meinem Küchentisch steht eine knallgrüne Guetslidose, unverrückbar. Wenn ich sie öffne, steigt mit dem Duft der Petits Beurres eine Erinnerung nach der anderen in mir hoch, Kindergesang klingt in meinen Ohren, und etwas nostalgisch denke ich an vergangene Zeiten. Sommer war es, im Jahr 1998, als ich zum Abschied vom Chor dieses Erinnerungsstück erhalten habe, quietschgrün wie die Farbe unserer T-Shirts und später des Logos auf den Hemden. Eine mir liebe Erinnerung ist zum Beispiel jene, wie wir die Kinder nach ihren Wünschen einzustudierender Lieder fragten. Eine Kleine bat mit werbender Stimme darum, «Angel» von der Kelly Family ins Repertoire aufzunehmen. Weil Kelly-Family-Balladen in unseren Augen keine ernstzunehmenden Vorschläge darstellten und «Angel» mir offen gesagt eher unpassend schien, schlug ich dem Mädchen augenzwinkernd vor, wir könnten sie ja als Engel verkleidet von der Empore schweben lassen, derweil wir unten den Engelsgesang in die Stuckaturen posaunten. Eine Woche später stand die Kleine wieder vor mir, freudestrahlend, und sagte, sie hätte sich für ihren theatralischen Auftritt bereits ein Kostüm ausgedacht… Ich war um eine Lektion reicher und wusste, dass Ironie dem Denken eines Kindes nicht entspricht.

 

Gründungszeiten

Dem Denken der Kinder, ihren Träumen und Vorstellungen gerecht zu werden, war für uns Chorgründerinnen und –gründer denn auch immer wieder Herausforderung und Prüfstein zugleich. Die Idee für einen Kinderchor hatte Patrick Furrer aus Gretzenbach, heute freischaffender Musiker. Ernüchtert von den Zuständen in den Schulen (wo musische Fächer mehr und mehr den Sparmassnahmen zum Opfer fielen) wollte er einen Raum schaffen, in dem Kinder ihre Musikalität ausleben konnten. Die Idee begeisterte mich sofort, und ich konnte Claudia Gisi zusätzlich fürs Projekt gewinnen. Anfänglich war es vor allem das Katholische Pfarramt von Gretzenbach – und hierin insbesondere Ernst Knorr – das uns finanziell unter die Arme griff und uns den Römersaal als Probelokal zur Verfügung stellte. Im Frühling 1993 fand die erste Probe statt, die uns pädagogische Novizen teilweise ins Schwitzen brachte. Wie bringt man einen Sack voll Flöhe zum ruhig Stehen und rein Singen? Musikalisch konzentrierten wir uns anfänglich auf Gospel und einstimmige Lieder, die Patrick Furrer auf der Gitarre begleitete. Erste Konzerte in Gottesdiensten, an Firmungen und Konfirmationen folgten. Nach einem guten Jahr stieg Patrick Furrer aus der Chorleitung aus, und die beiden Frauen übernahmen das Ruder. Ohne Gitarrenbegleitung klangen die Lieder freilich langweilig, es fehlte der Boden, die Melodie, die trug. Verschiedene Gitarristen, Schlagzeuger und Pianistinnen lösten sich gegenseitig ab, wir versuchten Manches, verloren zeitweise die Geduld, gaben jedoch nie auf.

 

Namenssuche

Je länger wir mit den Kindern arbeiteten und je mehr Anfragen wir für Konzerte erhielten, desto klarer schien uns, dass wir Ziele und ein Image brauchten. Der erste (und einfachste) Schritt war hierbei, uns um einen neuen Namen zu bemühen. Unter dem Titel «Kinderchor» aufzutreten, erschien uns immer absurder, zumal die Kinder begannen, uns über die Köpfe zu wachsen und junge Damen zu werden. Die Sängerinnen und Sänger – von letzteren gab es übrigens selten welche (was wir uns nie recht erklären konnten) – hielten wir an, uns mögliche Chornamen vorschlagen. Die eigentliche Taufe unserer Gruppe erwies sich als schwieriges Unterfangen, weil die Kleineren am liebsten unter einem Label wie «Müsli-Sänger» oder «Swiss Cheese Singers» aufgetreten wären, derweil die Grossen im besten Teenager-Alter sich gern «Pop Stars» oder ähnlich genannt hätten. Schliesslich konnten wir uns auf den Namen «Calypso» einigen – allein deswegen, weil wir einen Kanon zur Hand hatten, der gewissermassen zum Chor-Song avancierte: «Anytime you need a Calypso, here is what you must do…» Je mehr wir probten, desto mehr wuchs uns der Chor ans Herz, und desto überzeugter schmetterten wir die Worte des Kanons von der Bühne, die im Weiteren lauteten: «First of all you need a rhythm…» Dass der Rhythmus fehlte, der Pfeffer im Ganzen, war uns bewusst, und der Wunsch nach einer Band, mit der sich kontinuierlich etwas aufbauen liess, wurde vordringlich. Wie sich diese Band konstituierte, weiss heute niemand mehr so genau. Tatsache ist, dass wir eines Tages eine formidable Musikergruppe zur Seite hatten, die tatkräftig in die Tasten und Saiten griff. Stephan Herzog (danach Stephan Wartmann) spielte Gitarre, Andreas Bleisch Bass und Susanne Rippstein (später Dominik Staffelbach) Piano. Dominik Bugmann sorgte am Schlagzeug für Rhythmus, und gemeinsam entstand die Melodie.

 

Höhepunkte

Es brach eine kreative, uns alle bereichernde Zeit an. Einer der Höhepunkte war sicher das Calypso-Weekend auf dem Homel, einem herrlichen Landgut, das wir dank Stephan Wartmann bewohnen durften. Hierher zogen wir uns für ein Wochenende mit der Horde Kinder zurück, um eine mehr oder weniger professionelle Aufnahme zu machen. DasIm HommelhausWochenende bedeutete für den Chor harte Arbeit. Hart war wohl weniger das unermüdliche Singen, als das stundenlange Warten, das Schweigen vor einem Einsatz, die geforderte Konzentration. Doch gross war der Stolz, wenn auf ein kleines Köpfchen riesige Kopfhörer gesetzt und das Persönchen auf eine Kabelbox gestellt wurde, damit es überhaupt die Höhe des Mikrophonständers erreichte. Für das leibliche Wohl waren – wie übrigens so oft in diesen letzten zehn Jahren – Eltern der Kinder besorgt, die beflissen kochten, Zöpfe buken und Kuchen brachten. Die Nacht von Samstag auf Sonntag war kurz: Die einen warteten auf Gespenster, die andere zu simulieren planten, wiederum andere waren damit beschäftigt, heimlich Gummibärchen im Dunkeln zu verspeisen. Die Herzen der Teenager schlugen höher angesichts der Aussicht, dass sie mit den Bandmitgliedern noch aufbleiben durften. Der Preis der durchgezechten Nacht waren Heimwehtränen und Zankereien, die zu einer übermüdeten Kinderschar dazugehören, die aber der glücksvollen Stimmung am Ende des Wochenendes keinen Abbruch taten. Die Kassette, die aus den Aufnahmen von damals entstand, und die den schlichten Namen «Weekend» trug, war unser aller Stolz.

 

Was bleibt

Wichtig war uns in Aufnahmen, Konzerten und Proben vor allem eines: Dass alle in ihrer Eigenart ihren Platz hatten. Nicht Perfektion war unser Ziel, sondern Gemeinschaft. Wir alle gaben unser Bestes, und Fehler versuchten wir auszumerzen. Doch der Preis hierfür durfte nie bedeuten, dass ein Kind, das zu gern eine Solopassage singen wollte, seiner Freude beraubt wurde, wenn es nun mal kein Naturtalent war. Erste Priorität hatte die Freude, das Gefühl, gemeinsam an etwas zu bauen. Diese Idee der Gemeinschaft erhielt zusätzlich Schubkraft durch den Umstand, dass der Chor einen immer breiteren Altershorizont An einem Konzertabdeckte. Waren unsere Jüngsten gerade mal Erstklässler, die ihren Liederordner tapfer hochhielten (obwohl sie kaum lesen konnten) wuchsen die ersten Sängerinnen zu jungen Frauen heran, die sich an der Gestaltung von Programmen und Anlässen beteiligten. Zwei von ihnen, Rebecca Beer und Simone Roos, konnten wir schliesslich den Chor übergeben – eine schöne Erfahrung. Diese Idee der Gemeinschaft, wie sie diesem kleinen, regionalen Chor eigen war, hat mich auf meinen späteren Wegen stets begleitet und ist mir kostbare Erinnerung: Das Wissen um die Möglichkeit für alle befriedigend zu arbeiten, ohne dass Menschlichkeit je der Qualität geopfert würde. Ja, ich glaube sogar, die Qualität des Chores bestand für alle gerade darin, dass er zutiefst menschlich war. Diese Form von Menschlichkeit zu bewahren und dem einen oder anderen Kind als stärkende Erfahrung auf den Weg geben zu können, das wünsche ich dem Calypso-Chor für die nächsten zehn Jahre.

 

Barbara Bleisch